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"Unsre Oma hat im Backenzahn `n Radio"

LWL-Volkskundearchiv präsentiert Berichte zur Geschichte des Radios in Westfalen

13.02.2019

Westfalen (lwl). Am diesjährigen "Tag des Radios", der am 13. Februar an ein noch junges, aber kulturell wichtiges Medium erinnert, ist es fast 99 Jahre her, dass mit einem Weihnachtskonzert die erste zivile Rundfunkübertragung in Deutschland über den Äther ging. Erst 1923, drei Jahre nach dieser ersten Sendung, war es dann soweit, dass vom Sender Königs Wusterhausen ein regelmäßiges Programm gesendet werden konnte. "Ein einziger Sender war angesichts der Größe des Deutschen Reichs allerdings zu wenig. Nach und nach wurden deshalb regionale Sendestationen wie zum Beispiel 1924 in Münster aufgebaut", sagt Christiane Cantauw von der Volkskundlichen Kommission des LWL, die sich im Volkskundearchiv nach Zeitzeugenberichten über die Frühzeit des Radios umgesehen hat.

Anfangs war das Radiohören eine einsame Beschäftigung, denn die ersten sogenannten Detektorgeräte waren nicht mit Lautsprecher, sondern nur mit einem Kopfhörer ausgestattet. "Auf diese Weise konnte nur jeweils eine Person hören, was übertragen wurde, falls nicht ohnehin alles von Rauschen überlagert war", erläutert Cantauw.

Die ersten Radiogeräte wurden um 1924 herum vielfach von technisch interessierten Bastlern gefertigt. In einem Bericht aus Verl (Kreis Gütersloh) heißt es beispielsweise, dass ein Vetter, der eine Elektrikerlehre machte, als Gesellenstück ein Radio gebaut habe. Zur großen Freude der ganzen Familie ertönte als Ergebnis seiner Anstrengungen eine Stimme in der Küche, die verkündete "Hier spricht Radio Luxemburg!"

"Die ersten Radiopioniere werden in den Berichten im Volkskundearchiv häufig als bewundernswerte, technisch versierte und Neuem gegenüber sehr aufgeschlossene Personen beschrieben. Zu diesem Personenkreis gehörten vielerorts auch Lehrer, die das neue Medium auch in der Schule einsetzten", erläutert Cantauw. Dem Bericht des Volksschullehrers Heinrich Mevenkamp aus Rheine-Catenhorn (Kreis Steinfurt) lässt sich die Begeisterung über den "Zauberkasten" jedenfalls deutlich anmerken: "Im Schulfunk war eine Sendung über die Wege, die Zugvögel nehmen, angekündigt. Unser Nachbar (...) hatte schon einen solchen Zauberkasten. Ich nahm Rücksprache (...). Er gestattete ohne langes Überlegen, daß ich mit meiner Klasse bei ihm in der großen Küche Radio hören könne. Stühle konnten wir aus den Wohnräumen holen. Eine Viertelstunde aufmerksame Zuhörer zu haben, ist schon ein Kunststück bei Kindern. Doch war die Aufmerksamkeit hier so konzentriert, daß sich jede Aufforderung zum Zuhören erübrigte. Wohl alle Kinder hörten zum ersten Male Radio."

Auch einige Gastwirte und Hoteliers erkannten das Potenzial des neuen Mediums. So befand sich schon vor 1925 eine "Rundfunkanlage" im Hotel Bücker in Erwitte (Kreis Soest): "Sie hatte noch keinen Lautsprecher, sondern nur Kopfhörer, die an einzelnen Sesseln des Speisezimmers angeschlossen waren." Die Möglichkeit, mehrere Kopfhörer an ihren Detektor anzuschließen, machten sich auch Privatleute wie eine Lehrerin aus Eggerode (Kreis Borken) zunutze, die außer dem eigenen noch vier Kopfhörer für Gäste besaß.

"Spannend ist, an welche Sendungen sich die Zeitzeugen erinnern. Neben den Nachrichten war den Menschen auf dem Land vor allem der Wetterbericht wichtig, weil die Entwicklung des Wetters für landwirtschaftliche Arbeiten wie Säen und Mähen wichtig war. Neben diesen Sendungen werden auch die Übertragungen von Gottesdiensten, von Schlagern und von unterhaltsamen Beiträgen wie plattdeutschen Hörspielen, Karnevalsliedern oder dem Mittagskonzert genannt", fasst Cantauw zusammen. Sendungen wie der "frohe Abend" oder der "lustige Samstagnachmittag" fanden auch in Westfalen ihre begeisterten Anhänger.

Emotionale Reaktionen lösten aber wohl andere Sendungen aus: "Als dann nach dem Krieg zum ersten Mal die Kölner Domglocken läuteten als die Schreine mit den Gebeinen der Hl. Dreikönige wieder in den Kölner Dom zurückgeführt wurden, da kamen nicht nur uns Frauen Freudentränen in die Augen. Der achtzigjährige Vater, der auch viel zu uns kam, war auch tief gerührt", ist einem Bericht aus Gladbeck (Kreis Recklinghausen) zu entnehmen.

Ein zentrales Symbol für die nationalsozialistische Propaganda war der Volksempfänger, ein kompaktes Radiogerät, das ab 1933 zum Preis von etwa 76 Reichsmark verkauft wurde. Mit dem Volksempfänger wurde das Radio endgültig zum Massenmedium, das es dem faschistischen Regime ermöglichte, Propaganda in Form von Lied- und Wortbeiträgen in über 4 Millionen Haushalte zu senden. Viele Reden von Hitler, Göbbels, aber auch von lokalen NS-Größen wurden als Reichssendungen landesweit übertragen. Wie in Sundern (Hochsauerlandkreis) sollten so viele Volksgenossinnen wie möglich diese Übertragungen verfolgen können, dafür hatten z.B. Vorarbeiter und Lehrer ihre Radiogeräte zur Verfügung zu stellen: "Als ich die Notstandsarbeiten zu beaufsichtigen hatte, mußte ich auch auf Anordnung des politischen Amtsleiters den Arbeitern Gelegenheit bieten, bei besonderen Veranstaltungen der Partei, die Reden Hitlers und seiner Mitarbeiter anzuhören."

Nicht nur über die Reichssendungen, sondern auch mit Hilfe der Regionalfunksendungen eröffnete sich dem faschistischen Regime die Möglichkeit, politisch auf Millionen von Hörerinnen einzuwirken. "Einige der Zeitzeugen schreiben aber auch, dass sie oder Verwandte Sender aus dem Ausland empfangen hätten - eine Praxis, die seinerzeit polizeilich verfolgt und streng geahndet wurde", sagt Cantauw und ergänzt, dass die Berichte der Zeitzeuginnen letztlich natürlich auch ein Indiz dafür sind, wie tiefgreifend Massenmedien wie das Radio das alltägliche Leben verändert haben.
Wer sich für die Berichte über die Frühzeit des Radios interessiert, kann im online-Archiv der LWL-Kommission unter https://www.lwl-volkskundearchiv.de fündig werden. Für ihr Archiv suchen die LWL-Volkskundler noch alte Hörfunkzeitschriften. Wer seine Exemplare zur Verfügung stellen möchte, kann unter voko@lwl.org Kontakt aufnehmen.

 

Pressekontakt:
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
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Der 50. Geburtstag Kaiser Wilhelms lieferte den Anlass zu einem Festtagsmenü, an das diese Menükarte erinnert. Rechts: Das Konterfei des Kaisers auf einer Medaille des Brieftaubenzuchtverbands Essen. Fotos: LWL-Volkskundearchiv

Kaisergeburtstag im LWL-Volkskundearchiv

27. Januar: Zeitzeugen erinnern sich an einen Nationalfeiertag aus der Kaiserzeit

25.01.2019

Münster (lwl). Kaum jemand weiß heute noch, dass der 27. Januar fast 30 Jahre lang (1889 bis 1918) ein Feiertag war. An diesem Tag wurde im gesamten deutschen Reich der Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. begangen. "Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurden die Geburtstage von Wilhelm I. und - seit 1889 - von Wilhelm II. zu Nationalfeiertagen. Sie boten ganz andere Möglichkeiten der Selbstinszenierung als die Geburtstage der Fürsten aus den Kleinstaaten dies in der Zeit vorher vermocht hatten", erläutert Christiane Cantauw, Geschäftsführerin der Volkskundlichen Kommission des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Sie hat im LWL-Volkskundearchiv Unterlagen von Zeitzeugen gefunden, die beschreiben wie der Kaisergeburtstag in Westfalen gefeiert wurde.

So erzählt eine Zeitzeugin aus Gütersloh beispielsweise wie der Feiertag in den Schulen begangen wurde: "Die Kaiserbüste, mit einem Lorbeerkranz geschmückt, stand auf dem Pult, auch die Kaiserbilder an der Wand waren umkränzt. Die Kaiserhymne wurde gesungen 'Heil dir im Siegerkranz' und 'Dem Kaiser sei mein erstes Lied'. Dann kam ein Geschichtsvortrag 'Kaisers vorbildliches Leben und gute Taten', es folgte ein inbrünstiges Gebet, der liebe Gotte möge den Kaiser schützen, und mit einem dreifach 'Hoch-Hoch-Hoch' war die Feier für uns Kinder beendet."

Die Schulfeiern am 27. Januar waren gesetzlich vorgeschrieben. "Ihr Ablauf war landauf, landab ähnlich. Wichtig war es, den Kindern anlässlich der jährlichen Feiern nicht nur detaillierte Kenntnisse über den Kaiser und seine Familie zu vermitteln, sondern sie auch emotional an das Herrscherhaus zu binden. Diesem Zweck dienten nicht zuletzt die Lieder und Gedichte mit nationalem Pathos", fasst Cantauw zusammen.

Damit der festliche Charakter gewahrt wurde, war es wichtig, dass die Kinder die Lieder auswendig singen konnten. Dass sie auch die Biografie des Kaisers und seiner Familie kannten, wurde in manch einer Schule wie z.B. in Havixbeck (Kreis Coesfeld) vorausgesetzt: "Nachdem wir in der Schule bis zum Erbrechen heruntergeleiert hatten, wann der Kaiser geboren (war), wie seine Frau hieß, wieviel Kinder er hatte und wie die alle hießen, hatten wir dann auch schulfrei, nachdem noch lauthals das Kaiserlied geschmettert worden war."

Dem Auswendiglernen wurde vor dem ersten Weltkrieg große Bedeutung beigemessen. Indem die Schüler die Biografie des Kaisers auswendig lernten und immer wieder aufsagen mussten, sollten sich die Inhalte dieser Form der staatsbürgerlichen Erziehung tief einprägen.

Die Kaisergeburtstagsfeiern wurden aber nicht nur in den Schulen begangen. In vielen Städten wie z.B. in der Garnisonsstadt Münster fanden Militärparaden statt, bei denen auch die entsprechende musikalische Begleitung nicht fehlen durfte. Für diese Paraden wurde auf den Exerzierplätzen lange geübt, wie aus den Lebenserinnerungen eines Volksschullehrers an das Jahr 1908, die in der LWL-Volkskundesammlung aufbewahrt werden, hervorgeht: "Und (...) die ewigen Marschübungen, die nach dem Weihnachts- und Neujahrsurlaub auf dem täglichen Dienstplan standen. (...) bis das Regiment zur Probeparade einige Tage vor dem Ereignis auf den Neuplatz = Hindenburgplatz antrat. Wieviele Stunden wir die Stiefelschäfte unserer Knobelbecher, die Koppel, die Patronentaschen (...) polierten, ich kann es nicht schätzen."

Meist befand sich die gesamte Bevölkerung auf den Beinen, um den besonderen Ehrentag zu begehen und somit ihre nationale Gesinnung zu demonstrieren. Es wurde festlich geflaggt, Hymnen und Lobpreisungen wurden angestimmt und Festreden hoben das vorbildliche Leben und die Heldentaten des Kaisers hervor. Nachdem für das Wohl des Kaisers gebetet worden war, machten sich Kinder und Erwachsene auf den Weg in ein Kaffee- oder Wirtshaus, um dort weiter zu feiern. Auch für Teilnehmer eines Lehrerseminars in Warendorf war dies anscheinend selbstverständlich, wie aus autobiografischen Erinnerungen an das Jahr 1907 hervorgeht: "Nachmittags ging's mit uns allen zur Herrlichkeit, einem Kaffeehaus an der Ems, etwa zwei Kilometer östlich von Warendorf. Für eine Flasche Bier wurden 10 Pfennig eingesammelt. Offiziell wurde ja auch nicht mehr getrunken. Ob sich niemand der vielen Aufsichten Gedanken darüber machte, daß so viele Ober- und Mittelklässler auf dem Heimweg so lustig waren?"

"Mit Großereignissen wie den Kaisergeburtstagsfeiern ließ sich nicht nur die nationale Gesinnung stärken. Solche Feiern waren natürlich auch eine nach außen gerichtete Demonstration von Einheit und Stärke, die - ähnlich wie manch eine Militärparade in der Jetztzeit - ausländische Beobachter beeindrucken sollte", so Cantauw.

 

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Bis Ende der 1960er Jahre überreichten die Autofahrer den Verkehrspolizisten auf dem Prinzipalmarkt in Münster als Dankeschön für Ihre Arbeit Weihnachtsgeschenke. Foto: LWL/Obermeier

Das haben wir uns verdient! LWL-Volkskundler auf der Spur von Weihnachtsgeld und Co.

Westfalen (lwl). Laut einer Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung von 2018 bekommen es immerhin noch 55 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland: ein zusätzliches Entgelt des Arbeitsgebers, das gegen Ende des Jahres (meist im November) ausgezahlt und als „Weihnachtsgeld“ bezeichnet wird. Mit dem „Weihnachtsgeld“ und anderen Gratifikationen  zum Fest haben sich die LWL-Volkskundler beschäftigt und herausgefunden, dass dass tariflich vereinbarte Weihnachtszuwendungen bereits eine 66-jährige Geschichte haben: Die Gewerkschaft „Öffentlicher Dienst, Transport und Verkehr“ (sie ging 2001 in der vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di auf) war es, die 1952 erstmals einen Tarifvertrag mit einer solchen Gratifikation durchsetzte.

Trinkgelder und Gehaltszulagen zu Weihnachten oder Neujahr sind jedoch nicht neu: Bereits Ende des 15. Jahrhunderts erhielt das Gesinde des Klosters Freckenhorst ein sogenanntes Offergeld, hochdeutsch Opfergeld. Auch Caspar von Fürstenberg berichtet in seinem Tagebuch aus dem ausgehenden 16. Jahrhundert von der Zahlung von Offergeld an seine Bediensteten und seine Kinder. Ursprünglich war das Offergeld wohl ein Zuschuss für die Armenspende, die die Gottesdienstbesucher während des Festtagsgottesdienstes leisten sollten. „Ab wann die Beschenkten dazu übergingen, das Geld ganz oder teilweise zu behalten, lässt sich leider nicht sagen“, so Christiane Cantauw, Geschäftsführerin der Volkskundlichen Kommission beim LWL.

Eine andere Form der Weihnachtsgratifikation waren die Umgänge verschiedener Berufsgruppen, die überwiegend dem öffentlichen Dienstleistungsbereich zuzurechnen waren. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war es üblich, dass Hirten, Küster, Lehrer, Gemeindeboten, Nachtwächter aber auch Schmiedegesellen oder Müllerburschen zwischen Weihnachten und Neujahr von Haus zu Haus gingen, ein Lied sangen oder ein Sprüchlein aufsagten und dafür Gaben erhielten. Nicht selten war diese Form des Umgangs Teil ihrer Entlohnung wie ein Beispiel aus Dortmund zeigt, wo der Stadtrat den Nachtwächtern einen zweimal jährlichen Umgang gestattete, und alle Einwohner verpflichtete, ihnen jeweils mindestens zwei Stüber zu geben.

Auch aus Datteln, Suderwich (beide Kreis Recklinghausen), Einen (Kreis Warendorf), Schwelm (Kreis Ennepe-Ruhr), Rietberg (Kreis Gütersloh) oder aus dem Paderborner Land sind solche Umgänge überliefert, die die Akteure als ihr gutes Recht begriffen. „Wenn es in einem entsprechenden Spruch heißt ‚Hier ist der Mühlenknecht, der will haben sein Gerecht; wenn er sei Gerecht nicht kriggt, bringt er euch die Kleie nicht‘, dann wird schon deutlich, dass hier kein unterwürfiger Bittsteller vor der Tür stand, sondern jemand durchaus selbstbewusst sein ‚(Ge-)Recht‘ einforderte“, erläutert Cantauw den alten Brauch.

Das Neujahrskollektieren geriet im 19. Jahrhundert allerdings zunehmend in die Kritik. „Diese Form der informellen Beziehungen auf Gegenseitigkeit passte nicht in eine sich formierende moderne Gesellschaft, in der Leistung und Gegenleistung vertraglich geregelt und anonymisiert sein sollten“, sagt Cantauw. Die Mindener Regierung gestattete deshalb nur noch den Nachtwächtern ihren Umgang, während im Münsterland bis auf weiteres noch allen denjenigen der Umgang gestattet war, denen dies ausdrücklich bewilligt worden war oder die sich auf althergebrachte Rechte berufen konnten.

„Wie lange sich trotzdem der Gedanke gehalten hat, dass wir uns zum Jahresende bei einigen Dienstleistern besonders erkenntlich zeigen sollten, belegt auch die Sitte, den Briefzustellern und den Müllfahrern ein Trinkgeld zu geben. Das war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch weit verbreitet“, erläutert Cantauw. „In einer Gesellschaft, in der Anerkennung nicht zuletzt über Geld ausgedrückt wird, schienen solche persönlichen Gratifikationen durchaus angebracht.“

Pressekontakt: Markus Fischer, Tel.: 0251 591 235


Neuerscheinung

Christine Schönebeck: Frei sein - mündig werden. Die Konfirmation als pädagogisches Instrument zur Popularisierung der Aufklärung (1770-1840) (Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland, Band 128). Waxmann-Verlag, Münster, New York 2018. 312 S., ISBN 978-3-8309-3845-3, 34,90 €


LWL-Preis für Westfälische Landeskunde geht an Magda und Günter Achterkamp - Engagement für die Opfer der NS-Gewalt wird gewürdigt

Rheine (lwl). Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat Magda und Günter Achterkamp aus Rheine-Mesum für ihr ehrenamtliches Engagement für Opfer des Nationalsozialismus mit dem LWL-Preis für Westfälische Landeskunde ausgezeichnet.

LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger überreichte die Auszeichnung am Dienstag (9.10.) im Salzsiedehaus in Rheine-Bentlage (Kreis Steinfurt). In ihrer Rede hob sie besonders die Hartnäckigkeit der Preisträger hervor, die sich nicht davon abhalten ließen, die wenigen Spuren von NS-Gewalt, die vor Ort verblieben waren, weiterzuverfolgen: "Magda und Günter Achterkamp haben den Mut besessen, die Zwangsarbeit in Rheine-Mesum zu einem Thema zu machen, mit dem wir uns auch aus Verantwortung für eine demokratische Gesellschaft auseinandersetzen müssen.

Die Eheleute Achterkamp sind sich dieser Verantwortung bewusst und sie handeln danach, indem sie nachwachsende Generationen mit dem Thema nicht allein lassen. Das ist allemal preiswürdig."

Der Rat für westfälische Landeskunde, der die Preisträger vorschlägt, würdigte mit der Preisvergabe an Magda und Günter Achterkamp "herausragendes ehrenamtliches Engagement, das zu über die Gegenwart hinausweisenden Ergebnissen geführt hat".

"Vergesst uns nicht... Erinnerung an die Opfer der NS-Gewalt" lautete der Titel des Vortrags von Magda und Günter Achterkamp, der das Ziel ihrer Ehrenamtsarbeit auf den Punkt brachte: Gegen das Vergessen war die jahrelange Arbeit des Ehepaares aus Rheine-Mesum gerichtet. Magda und Günter Achterkamp haben den Wahlspruch der Geschichtswerkstattbewegung der 70er Jahre - "Grabe, wo du stehst!" - wörtlich genommen und haben unter Efeu auf dem Mesumer Friedhof steinerne Zeugen der NS-Vergangenheit freigelegt. Es handelt sich um Gräber von Zwangsarbeitern, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiterkindern, allesamt Oper des Nationalsozialismus, die dank der Initiative der Eheleute Achterkamp namhaft gemacht werden konnten und denen nun eine Gedenkstätte gewidmet ist.

Nicht immer und überall stießen die Achterkamps mit ihren Nachforschungen auf Gegenliebe. Rüschoff-Parzinger: "Wie sinnvoll ihre Arbeit war und ist, das lässt sich aber anhand der Reaktionen von Hinterbliebenen aus Russland, Polen, der Ukraine und Frankreich ablesen, die nun wissen, wo ihre Angehörigen verstorben sind und dass sie dort, wo sie begraben sind, ein würdiges Erinnern finden."

"Mit der Preisverleihung wurde ehrenamtliches, zivilbürgerliches Engagement geehrt, das weit über das Erwartete und Erwartbare hinausgeht. Magda und Günter Achterkamp verstehen ihr Forschen und Vermitteln als Übernahme von Verantwortung", sagte Prof. Dr. Elisabeth Timm, kommissarische Vorsitzende der Volkskundlichen Kommission für Westfalen, in der Laudatio.
"Ihr Netzwerk ist weit gespannt und umfasst nicht nur verschiedene wissenschaftliche Dienststellen des LWL, sondern auch Universitätsinstitute, die Villa ten Hompel in Münster oder zivilgesellschaftliche Vereine, die sich die Erinnerung an den Nationalsozialismus zur Aufgabe gemacht haben. Die Arbeit des Ehepaars Achterkamp ist jedoch nicht nur in die Vergangenheit gerichtet: Im Rahmen einer Kooperation mit dem Arnold-Jansen-Gymnasium in Neuenkirchen engagieren sich die Preisträger dafür, Schülern das Thema Zwangsarbeit im Nationalsozialismus näherbringen."

Dank des Engagements der Achterkamps ist der Geschichtsort Alter Friedhof Mesum in die pädagogische Landkarte NRW aufgenommen worden. "Dort finden sich Informationen zu qualitätsgeprüften außerschulischen Lernorten, an denen die nachwachsende Generation mehr erfahren kann über wichtige Themen unserer Geschichte. Die Aura dieser besonderen Orte hinterlässt oft einen tiefen Eindruck bei den Jugendlichen, deren historische und politische Bildung gerade in der heutigen Zeit nicht vernachlässigt werden sollte", so Rüschoff-Parzinger.

(Pressemitteilung LWL)

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