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Bis Ende der 1960er Jahre überreichten die Autofahrer den Verkehrspolizisten auf dem Prinzipalmarkt in Münster als Dankeschön für Ihre Arbeit Weihnachtsgeschenke. Foto: LWL/Obermeier

Das haben wir uns verdient! LWL-Volkskundler auf der Spur von Weihnachtsgeld und Co.

Westfalen (lwl). Laut einer Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung von 2018 bekommen es immerhin noch 55 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland: ein zusätzliches Entgelt des Arbeitsgebers, das gegen Ende des Jahres (meist im November) ausgezahlt und als „Weihnachtsgeld“ bezeichnet wird. Mit dem „Weihnachtsgeld“ und anderen Gratifikationen  zum Fest haben sich die LWL-Volkskundler beschäftigt und herausgefunden, dass dass tariflich vereinbarte Weihnachtszuwendungen bereits eine 66-jährige Geschichte haben: Die Gewerkschaft „Öffentlicher Dienst, Transport und Verkehr“ (sie ging 2001 in der vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di auf) war es, die 1952 erstmals einen Tarifvertrag mit einer solchen Gratifikation durchsetzte.

Trinkgelder und Gehaltszulagen zu Weihnachten oder Neujahr sind jedoch nicht neu: Bereits Ende des 15. Jahrhunderts erhielt das Gesinde des Klosters Freckenhorst ein sogenanntes Offergeld, hochdeutsch Opfergeld. Auch Caspar von Fürstenberg berichtet in seinem Tagebuch aus dem ausgehenden 16. Jahrhundert von der Zahlung von Offergeld an seine Bediensteten und seine Kinder. Ursprünglich war das Offergeld wohl ein Zuschuss für die Armenspende, die die Gottesdienstbesucher während des Festtagsgottesdienstes leisten sollten. „Ab wann die Beschenkten dazu übergingen, das Geld ganz oder teilweise zu behalten, lässt sich leider nicht sagen“, so Christiane Cantauw, Geschäftsführerin der Volkskundlichen Kommission beim LWL.

Eine andere Form der Weihnachtsgratifikation waren die Umgänge verschiedener Berufsgruppen, die überwiegend dem öffentlichen Dienstleistungsbereich zuzurechnen waren. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war es üblich, dass Hirten, Küster, Lehrer, Gemeindeboten, Nachtwächter aber auch Schmiedegesellen oder Müllerburschen zwischen Weihnachten und Neujahr von Haus zu Haus gingen, ein Lied sangen oder ein Sprüchlein aufsagten und dafür Gaben erhielten. Nicht selten war diese Form des Umgangs Teil ihrer Entlohnung wie ein Beispiel aus Dortmund zeigt, wo der Stadtrat den Nachtwächtern einen zweimal jährlichen Umgang gestattete, und alle Einwohner verpflichtete, ihnen jeweils mindestens zwei Stüber zu geben.

Auch aus Datteln, Suderwich (beide Kreis Recklinghausen), Einen (Kreis Warendorf), Schwelm (Kreis Ennepe-Ruhr), Rietberg (Kreis Gütersloh) oder aus dem Paderborner Land sind solche Umgänge überliefert, die die Akteure als ihr gutes Recht begriffen. „Wenn es in einem entsprechenden Spruch heißt ‚Hier ist der Mühlenknecht, der will haben sein Gerecht; wenn er sei Gerecht nicht kriggt, bringt er euch die Kleie nicht‘, dann wird schon deutlich, dass hier kein unterwürfiger Bittsteller vor der Tür stand, sondern jemand durchaus selbstbewusst sein ‚(Ge-)Recht‘ einforderte“, erläutert Cantauw den alten Brauch.

Das Neujahrskollektieren geriet im 19. Jahrhundert allerdings zunehmend in die Kritik. „Diese Form der informellen Beziehungen auf Gegenseitigkeit passte nicht in eine sich formierende moderne Gesellschaft, in der Leistung und Gegenleistung vertraglich geregelt und anonymisiert sein sollten“, sagt Cantauw. Die Mindener Regierung gestattete deshalb nur noch den Nachtwächtern ihren Umgang, während im Münsterland bis auf weiteres noch allen denjenigen der Umgang gestattet war, denen dies ausdrücklich bewilligt worden war oder die sich auf althergebrachte Rechte berufen konnten.

„Wie lange sich trotzdem der Gedanke gehalten hat, dass wir uns zum Jahresende bei einigen Dienstleistern besonders erkenntlich zeigen sollten, belegt auch die Sitte, den Briefzustellern und den Müllfahrern ein Trinkgeld zu geben. Das war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch weit verbreitet“, erläutert Cantauw. „In einer Gesellschaft, in der Anerkennung nicht zuletzt über Geld ausgedrückt wird, schienen solche persönlichen Gratifikationen durchaus angebracht.“

Pressekontakt: Markus Fischer, Tel.: 0251 591 235


Neuerscheinung

Christine Schönebeck: Frei sein - mündig werden. Die Konfirmation als pädagogisches Instrument zur Popularisierung der Aufklärung (1770-1840) (Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland, Band 128). Waxmann-Verlag, Münster, New York 2018. 312 S., ISBN 978-3-8309-3845-3, 34,90 €


LWL-Preis für Westfälische Landeskunde geht an Magda und Günter Achterkamp - Engagement für die Opfer der NS-Gewalt wird gewürdigt

Rheine (lwl). Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat Magda und Günter Achterkamp aus Rheine-Mesum für ihr ehrenamtliches Engagement für Opfer des Nationalsozialismus mit dem LWL-Preis für Westfälische Landeskunde ausgezeichnet.

LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger überreichte die Auszeichnung am Dienstag (9.10.) im Salzsiedehaus in Rheine-Bentlage (Kreis Steinfurt). In ihrer Rede hob sie besonders die Hartnäckigkeit der Preisträger hervor, die sich nicht davon abhalten ließen, die wenigen Spuren von NS-Gewalt, die vor Ort verblieben waren, weiterzuverfolgen: "Magda und Günter Achterkamp haben den Mut besessen, die Zwangsarbeit in Rheine-Mesum zu einem Thema zu machen, mit dem wir uns auch aus Verantwortung für eine demokratische Gesellschaft auseinandersetzen müssen.

Die Eheleute Achterkamp sind sich dieser Verantwortung bewusst und sie handeln danach, indem sie nachwachsende Generationen mit dem Thema nicht allein lassen. Das ist allemal preiswürdig."

Der Rat für westfälische Landeskunde, der die Preisträger vorschlägt, würdigte mit der Preisvergabe an Magda und Günter Achterkamp "herausragendes ehrenamtliches Engagement, das zu über die Gegenwart hinausweisenden Ergebnissen geführt hat".

"Vergesst uns nicht... Erinnerung an die Opfer der NS-Gewalt" lautete der Titel des Vortrags von Magda und Günter Achterkamp, der das Ziel ihrer Ehrenamtsarbeit auf den Punkt brachte: Gegen das Vergessen war die jahrelange Arbeit des Ehepaares aus Rheine-Mesum gerichtet. Magda und Günter Achterkamp haben den Wahlspruch der Geschichtswerkstattbewegung der 70er Jahre - "Grabe, wo du stehst!" - wörtlich genommen und haben unter Efeu auf dem Mesumer Friedhof steinerne Zeugen der NS-Vergangenheit freigelegt. Es handelt sich um Gräber von Zwangsarbeitern, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiterkindern, allesamt Oper des Nationalsozialismus, die dank der Initiative der Eheleute Achterkamp namhaft gemacht werden konnten und denen nun eine Gedenkstätte gewidmet ist.

Nicht immer und überall stießen die Achterkamps mit ihren Nachforschungen auf Gegenliebe. Rüschoff-Parzinger: "Wie sinnvoll ihre Arbeit war und ist, das lässt sich aber anhand der Reaktionen von Hinterbliebenen aus Russland, Polen, der Ukraine und Frankreich ablesen, die nun wissen, wo ihre Angehörigen verstorben sind und dass sie dort, wo sie begraben sind, ein würdiges Erinnern finden."

"Mit der Preisverleihung wurde ehrenamtliches, zivilbürgerliches Engagement geehrt, das weit über das Erwartete und Erwartbare hinausgeht. Magda und Günter Achterkamp verstehen ihr Forschen und Vermitteln als Übernahme von Verantwortung", sagte Prof. Dr. Elisabeth Timm, kommissarische Vorsitzende der Volkskundlichen Kommission für Westfalen, in der Laudatio.
"Ihr Netzwerk ist weit gespannt und umfasst nicht nur verschiedene wissenschaftliche Dienststellen des LWL, sondern auch Universitätsinstitute, die Villa ten Hompel in Münster oder zivilgesellschaftliche Vereine, die sich die Erinnerung an den Nationalsozialismus zur Aufgabe gemacht haben. Die Arbeit des Ehepaars Achterkamp ist jedoch nicht nur in die Vergangenheit gerichtet: Im Rahmen einer Kooperation mit dem Arnold-Jansen-Gymnasium in Neuenkirchen engagieren sich die Preisträger dafür, Schülern das Thema Zwangsarbeit im Nationalsozialismus näherbringen."

Dank des Engagements der Achterkamps ist der Geschichtsort Alter Friedhof Mesum in die pädagogische Landkarte NRW aufgenommen worden. "Dort finden sich Informationen zu qualitätsgeprüften außerschulischen Lernorten, an denen die nachwachsende Generation mehr erfahren kann über wichtige Themen unserer Geschichte. Die Aura dieser besonderen Orte hinterlässt oft einen tiefen Eindruck bei den Jugendlichen, deren historische und politische Bildung gerade in der heutigen Zeit nicht vernachlässigt werden sollte", so Rüschoff-Parzinger.

(Pressemitteilung LWL)

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